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Reinkarnationsgedaechtnis
und Diskriminierung

»Info3 - Anthroposophie heute«, June 1998


Wie entstehen Berichte von Menschen, die sich am Ende des Jahrhunderts an ihre Inkarnation als Opfer des Holocaust erinnern? Ein Beitrag an zentraler Stelle der Anthroposophischen Gesellschaft rueckt diese Erinnerungen in Zusammenhang mit der Wirkung von »dämonischen Wesenheiten«.

Zwei Menschen und ihre besonderen Botschaften haben im vergangenen Jahr die Ereignisse des Holocaust erstmals öffentlich in eine neue, spirituelle Dimension gerückt. Der amerikanische Rabbiner Yonassan Gershom mit seinen Untersuchungen über wiederverkörperte Holocaust-Opfer und die schwedische Schriftstellerin Barbro Karlen, die sich als wiederverkörperte Anne Frank fühlt, fanden dabei auch innerhalb der anthroposophischen Bewegung grösste Beachtung. Ausnahmslos alle anthroposophischen Zeitschriften berichteten offen und interessiert über das, was diese Individualitäten zu sagen hatten. In zahlreichen direkten Begegnungen mit Yonassan Gershom kam darüber hinaus nicht nur eine respektvolle, sondern auch aktiv tolerante Haltung gegenüber einem Vertreter zeitgenössischer jüdischer Spiritualität zum Tragen. Dazu gehörte der Wille, auch ungewohnte und dem eigenen Weltanschauungsgebäude vermeintlich widersprechende Inhalte unbefangen wahrzunehmen, ebenso wie die Bereitschaft, über den Schatten der eigenen mentalen Begrenztheit zu springen, die mit der Sozialisation innerhalb eines traditionell für christlich gehaltenen Kulturkreises zunächst verbunden ist. Ja, gerade darin begann sich etwas von der oft verkündeten und so selten eingelüsten Wirkung eines lebendigen Menschheitsgeistes zu realisieren, dass ein Gesprüch über bewegendste, zudem mit Schuld und Tragik belastete Menschheitsangelegenheiten möglich war - über scheinbar unüberbrückbare Herkunftsverschiedenheiten hinweg.

Als schweren Rückschlag dieses begonnenen Dialoges und der dadurch erzeugten Sensibilität für das Thema des Holocaust haben wir den Artikel empfunden, der vor kurzem im Zentralorgan der Anthroposophischen Gesellschaft veröffentlicht wurde (Irene Diet: »Auf den Spuren der Opfer. Anmerkungen zu Barbro Karlen und Yonassan Gershom«, in Das Goetheanum, Nr.20 vom 17. Mai 1998). Dabei geht es nicht darum, dass in diesem Dialog etwa gesunde Skepsis, begründete Fragen und Vorbehalte keinen Platz finden dürften. Auch dass in dem betreffenden Artikel einem bestimmten Weltbild widersprechende Phänomene mit dogmatischer Argumentation abgelehnt werden, könnte man noch entschuldigen.

Unverantwortlich erscheint jedoch, dass der im Goetheanum erschienene Beitrag von Irene Diet an dumpfe Klischees appelliert und das Judentum pauschal als unbelehrbaren weltgeschichtlichen Faktor, als zurückgebliebenes »Gruppenseelentum«, klassifiziert, das bei Gershom »einen noch reaktionäreren Nationalismus, als dies ohne gewisse Einsichten in uebersinnliche Zusammenhaenge überhaupt möglich ist« (Diet) hervorgebracht haben soll.

Die Verfasserin versucht, ihre Argumente auf Ansichten zu stützen, die scheinbar von Rudolf Steiner stammen. Sie behauptet zum Beispiel, daß Steiner wiederholt das althebräische Volk als »das Volk per excellence« beschrieben habe, »durch das sich das Gruppenseelenhafte innerhalb der Menschheit offenbarte.« Wer Steiners diesbezüglicheÄusserungen kennt, der weiss nicht nur, daß sich Steiner keineswegs derart pauschale Behauptungen erlaubte. Er weiss auch, dass Steiner Wert darauf legte zu verdeutlichen, daß die Israeliten Vorreiter in der Ich-Entwicklung waren. über das Volk zur Zeit Moses sagte er beispielsweise: »Es hat einen Sinn gehabt, solche Gesetze dem jüdischen Volke zu geben, damit eben der Ich-Impuls mit aller Kraft dem Volke eingeprägt werden konnte.« (Vortrag vom 16.11.1908, GA 107).

Die Autorin will Rabbi Gershom außerdem in einem fanatischen Licht erscheinen lassen. Sie unterstellt ihm die Ansicht, »daß es sich bei Hitler um eine Verkörperung des Amalek gehandelt habe«. (Amalek war der König eines mit den Hebräern verfeindeten Volkes in der Bibel) Gershom schreibt aber wörtlich: »Ob Hitler in der Tat eine Reinkarnation von Amalek war, wissen wir nicht (...) Besonders soll Hitler die Juden dafür gehasst haben, daß sie Jesus, den Verkünder der Barmherzigkeit, hervorgebracht hatten, denn in seinen Augen war Barmherzigkeit ein Zeichen von Schwäche«. (Y. Gershom, Kehren die Opfer des Holocaust wieder?, Dornach 1997, S. 191).

Am Ende zeigt sich, worauf die so abgeklärt und belesen wirken wollende Darstellung Diets hinauswill: Die Schriftstellerin Karlen und der Rabbiner Gershom werden von ihr als Werkzeuge schwarzmagischer Machenschaften hingestellt. Deren Ziel sei es, die Menschheit von der wiedererscheinenden Christus-Wesenheit abzulenken. Auch hier werden aus ganz anderen Zusammenhängen stammende Steiner-Zitate über okkulte Gruppierungen herangezogen, um Karlen und Gershom zu diffamieren. Die scheinbaren Erinnerungen an den Holocaust sollen nach Diet dadurch entstanden sein, daß die »von Menschen abgelegten, noch unaufgelüsten Aetherleiber von dämonischen Wesenheiten bezogen werden«. Hinter der so vorgestellten, bewußten Arbeit mit Dämonen steht nach Diet die Absicht okkulter Gruppierungen, den Christus durch »den sich im Geistbereich aufhaltenden Ahasverus« (für Diet offensichtlich der Repräsentantdes »Antichristlichen« im Judentum) zu ersetzen.

Wir wollen hier der Autorin keineswegs bewußte antisemitische Absichten unterstellen. Auch den Herausgebern, die sich bekanntlich alle Artikel – und besonders von bestimmten Autoren – im voraus vorlegen lassen, wollen wir keinesfalls ein bewußtes Vorhaben unterstellen. Mit der Veröffentlichung solcher diffamierender Phantasien, die dem Judentum die Schuld an spirituellen Manipulationen schlimmster Art zuschieben, richten sie dennoch grossen Schaden an. Auch ein anderer Autor, der kürzlich vom Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft wegen »gravierender antisemitischer Aeusserungen« ausgeschlossen wurde, wollte die von Gershom gesammelten Erfahrungsberichte als dämonische »Lügenmonster« abtun. Gennadij Bondarew stellte dabei gar den Holocaust insgesamt als »jüdische Erfindung« hin. Die Gegner der Anthroposophie lassen heute keine Gelegenheit ungenutzt, Rudolf Steiner als Antisemiten zu diffamieren. Was wird nun mit der Ver&uouml;ffentlichung eines solchen Artikels voller antijüdischer Klischees in der Zeitschrift Das Goetheanum bezweckt? Eine öffentliche Klarstellung der verantwortlichen Herausgeber wäre hier mehr als nötig.

Jens Heisterkamp
Judith Krischik Amnon Reuveni

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